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Mathias Jeschke

 

Mathias Jeschke

Mathias Jeschke, geb. 1963 in Lüneburg, studierte Theologie in Göttingen, Heidelberg und Rostock. Er lebt mit seiner Familie in Stuttgart und arbeitet dort als Verlagslektor und als freier Autor. Für seine Gedichtbände und Bilderbuchgeschichten erhielt er u.a. ein Stipendium des Landes Mecklenburg-Vorpommern und den Würth-Literatur-Preis.

www.mathiasjeschke.de

Schleimünde

       Schleimünde

          Nicht schlecht ist an der Küste das Wetter,
              das Wetter ist schnell.
     Die Schlei, ein Fjord, und schnell auch die
          Drachenboote, die ihn
Befuhren. Gunnar am Bug, puhlt in den Zähnen mit
     einem Stocher

     Vom dreistachligen Stichling. Als erglänzte ein
          herausgeschnittenes
Wikingerherz: Wenn die Windwatten bei Westwind
     trocken fallen.

 

Speisekammer

 

Speisekammer

          Du läufst dir hier schwerlich die Patten wund.
              Dein Radius,
     Als wärst du in der Stoßmauser, eine fluglahme
          Brandgans.
Betreibe also Ohrentauchen, Augenwandern. Lies die
     Insel

     Wie ein Buch mit Gedichten: Von vorn und achtern.
          Wieder
Zurück. Fang auch in der Mitte an. Ach, große kleine
     Freiheit!

Hafenmeisterei

Hafenmeisterei

          Der Wind jagt Schauer über die See. Der
              Wetterfahnensegler
     Blinkt wie ein Wikingerschatz, auch der silberne
          Waschtisch.
Komm, reich mir deinen Fisch, Hafengeld ist Bringe-
     schuld.

     Hannes Schlie, Sohn einer Dalbe, sonnig auf-
          gerichtet an der
Hafeneinfahrt. Eine Wahrheitsstatue, die Freizeichen
     sendet.

 

Wäldchen

 

 Wäldchen

          Ein Schemen, ein Rauch als eingetragenes
              Schifffahrtszeichen.
     Pappelgeschwister, aus einem Stamm geboren,
          sie wispern und
Wimmern im Wind: Was du nicht weißt, macht dich
     nicht heiß.

     Nie wirst du dorthin gelangen. Es bleibt Orplid,
          Eiland deiner
Ahnungslosigkeit. In seinem Wurzelwerk trägt es
     goldene Eier.

Vogelwarte

       Vogelwarte

          Seeadler, Graugans und Hummel. Finken,
              die der Kartoffelrose
     Den zweiten Frühling bescheren. Nicht zuletzt:
          Anas penelope,
Die Pfeifente, tag- und nachtaktiv. (Warum nicht
     einfach Nein

     Sagen, anstelle dieses Theaters: Weben, Auf-
          rippeln, Weben, Auf-
Rippeln?) Da der Erpel der Eiderente, Pitbull unter
     den Vögeln.

 

Giftbude

 

       Giftbude

          Die Brandgans legt dem fabelhaften Fuchs
              die Brut vor die Nase.
     Der kann nicht, was er will. Es befällt ihn diese
          Beißhemmung
Im eigenen Bau. Fast ist‘s ein Rätsel, auch ein
     Gesellschaftsspiel.

     Ist der Laden dicht, sind immerhin Fischbrötchen
          und Lakritz
Im Gepäck. Probier auch die Gischtkronen, das
     Kiefernrauschen.

Strandgut

       Strandgut

          Winzig-rotbraunes Vögelchen in einer Pfütze,
              schaukelnd im Wind.
     Löwin, made in China, (zu großer Kopf). Tier im
          Sprung, aus rostigem
Draht geklöppelt. Borstenlose Wurzelbürste. Schild
     ohne Aufschrift.

     Ineinander verknäulte Tampen. Der Name Mary,
          in Holz geschnitzt.
Zwei Steine: Taube und Pferd, Hommage des Meers
     an Henry Moore.

 

Leuchtturm

 

       Leuchtturm

          Teerschrift auf Steinmauer, sonnenweiche
              Texturen, zurück-
     Gelassene Souvenirs. Und der Bogen, den die
          Mole beschreibt,
Eine kühne These angesichts deiner ständigen
     Verunsicherung.

     Wäre da nicht diese Weisung von höherer Stelle.
          Dieses Auf-den-
Weg-gebracht-werden. Drift, der du nicht abhanden
     kommst.

Lotsenhaus

       Lotsenhaus

          Einsiedelei in einer unbestimmten Anzahl
              von Stockwerken,
     Kreisrunder Ausblick auf die verwehte See vom
          Spitzdach aus.
Nicht die wallende Quelle, du bist der Glühdraht des
     Leuchtens.

     Weisheit von Lo-Tse, dem Meeresbürger: Verlasse
          das Land,
Doch verleugne nie deinen Hafen. Dein Hafen ist dein
     Ernährer.