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Ulrich Bähr

Überfahrt

Lass die am Ufer lange winken
Wirf dann drei Steine in die Wellen
Und dann schaue auf die Stellen
Wo sie ringlos stumm versinken

Wirf in die Luft dann drei Gedanken
Blick ihnen nach, vergiss sie dann
Sie kommen wieder, irgendwann,
doch jetzt solln sich die Möwen um sie zanken

 

 

Freitag

Die Zeit tritt praktisch auf der Stelle
Während die See, Welle für Welle
Strandgut an das Ufer treibt
Was sie sich vorher einverleibt
Wirft sie uns wieder vor die Füße
Wie stille, vorwurfsvolle Grüße

 

 

Alles

Wie ein Gipfel, nur im Wasser
Nur ein Zipfel
Nur ein Fleck
Der Erfasser
Aller Sünden
Schaut hier weg

Hier könnte man alles machen
Pläne, die ins Irre münden
Stilles Sinnen, wilde Sachen
Oder einfach Steine kicken
Fern von elterlichen Blicken

 

 

Schonmal

Im Jahre neunzehnzweiundsiebzig
War ich schon mal auf einer Insel
Auf Bauer Madsens Schultern ritt ich
Zum Zäunebauen auf die Wiesen
Da durfte ich die Stämme halten
Die er in die Erde kloppte
Seesterne nahm und legte ich
Auf Zaunpfählen zum Trocknen aus
Sie stanken jämmerlich
Doch mich in meiner Gummihose
Störte das nicht.

 

 

Küstenvogel

Vergiss den Süden
Steig herab und lass die müden
Himmelsschweren Schwingen sinken
Und sie Ostseewasser trinken

 

 

Keine Insel

Nur ein Schleigerinnsel

 

 

Meeressäuger

Tauch zum Grunde
Wo Moleküle sich verdichten
Zu tiefen, sichren Wasserschichten
Und heile deine Menschheitswunde

Ulrich Bähr

Ulrich Bähr, 1968 in Hannover geboren, in früher Kindheit nach Schleswig-Holstein verschickt und dort verblieben. Studium der Slawistik und der Medienwissenschaften, dabei und danach Arbeit als Autor, Kulturjournalist und Filmemacher. 2001 Gründung einer Agentur für Bildungsmedien, daneben immer wieder Literarisches.

Lotseninsel, im Juni 2009