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Gerald Koll

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Die Nacht

ist ein Gedichtzyklus in acht Uhrzeiten
entstanden auf der Lotseninsel
vom 23. auf den 24. September 2010
als bei Vollmond der Sommer in den Herbst überging

19:17

Der Maler stiller Leben malt still
vierzigfünfzig Jahre
mit Farben und Wasser Farben des Wassers

mit liegendem Boot mit stehendem Mann
während über Planken, Rumpf und Rippen
Wellen streichen

Man hält still für den Maler stiller Leben,
seine Pinsel streichen Farben des Wassers
mit Farben und Wasser vierhochfünfzig Jahre

19:52

Am Schluss der Blauen Stunde hält ein
Grillenschrei den Sommer fest - -
schrille Grüße aus dem Blaugebet
auf das sich alles eingelassen hat:

Verschwörung schwärmender Vögel

Das Ufer ist ein Saum aus blauer Tusche.
Überall Ultramarin, worin der Mond ...
thront. Auf seiner Strahlenlandebahn
heben Hevelmänner ab zur Himmelfahrt
durch seine runde Luke. Er wird sichtbar:

Johann Friedrich Sörnsen

Ein Lichtbild: Das Boot ist sein Bett,
im Bug liegt ein Berg, im Rücken ein Kissen
Seegras. Das fischte und verkaufte Sörnsen
als Matratzenfüllung:

bis 1960

Vierzigfünfzig Jahre später
schiebt eine Welle Beute
an die Bootanlegestelle.
Schwer der Atem. Seufzt sie?
Grillen schweigen, Blau lässt los:

der Mond stieg nie, wir fallen

00:00

Der Gemeine Mond träufelt Licht.
Die Gemeine Schafgarbe legt es in
trugdoldig angeordnete Körbchen.

Der Pappelwald, ein anerkanntes Seefahrtszeichen,
bildet eine Pflanzenformation aus 37, 38 Stämmen.
Wurzeln pappeln miteinander unterhalb der Erde.

Der Herbst beginnt.

krsch, der Marder füllt
den Brutkasten mit Köpfen seiner Beute.

uhmp, die Graugans hat zu dieser Stunde
nicht mit dem Seeadler gerechnet.

gnirg, den Fuchs verstimmt, dass ein Kaninchen seinen Bau betritt:
Beißhemmung. Er geleitet den Besuch nach draußen.

guliguliguli
scholonsch scholunsch
wie bitte?

02:30

Blickt man vom anerkannten Seefahrtszeichen
auf das altbekannte, blinzelt drüben glühend rot
ein vertikaler Augenschlitz: ein Drache? Schreie.

Doch nähert man sich langsam, ändert sich die Lage.
Auf der Mole knirschen unter Sohlen leer gelutschte Leichenreste:
Die Knochengasse führt zum Monsterclown.

Mantel weiß, schwarzer Kragen, das Gesicht geweißt.
Zwei gekreuzte Stäbchenaugen, gelb der Nasenknopf
Lichter bilden einen Kranz um seine Mützenkrempe.

Amputierter Lotse
Ausgelacht
von fressenden Geschwadern

04:30

Bollro lag hier,
Agos und Fründ, Slimöv, Wombat, Jecca.
Gekerbtes Verzeichnis der Angeketteten.
Auch Schröder. Sogar Möwe.

Durchs Rauschen ein einsamer Schrei –
kläglich

Die Nacht nimmt Witterung auf.
Ein Stein wärmt meine Hand.
Nässe beißt in Bauch und Darm.
Sörnsen!

Sörnsen.

05:47

Ein Hauch von Rouge, ein rosa Band,
zu früh, es ist noch eine Stunde hin
zum offiziellen Aufgang,

doch das da, dieses Rosa da – –
obszönes Rokoko auf jadegrünem Dekolleté – –
der Mond zieht sich entsetzt zurück.

06:34

Blau erfüllt wie jeden Tag
seinen Farbauftrag.
Schwarze Galloways auf gelbem Grund

stehen stiller als ein Kahn am Abend,
wenn Windhauchpinsel Flanken streichen.
Sechsuhrneunundvierzig: Da verliert ein Rind,

als sein Kopf zur Erde sinkt,
das Spiel, wer sich zuerst bewegt.
Starenwolken wabern, Möwenmeuten

nehmen Stege in Beschlag, ignorieren
einen grauen Vogel, Cutaway mit Buckel.
Er gehört nicht zur Familie.

Er ist ich, gehört zu mir
Wir sind uns fremd
Das Stillleben sind wir.

07:09

Siebenuhrneun
wendet sich ein Austernfischer ab.
Siebenuhrneun
steht an der Stirn der Mole ein Leuchtturm
Siebenuhrneun
verrutschen Kiesel, huschen Kaninchen, hängt ein Kasten wie gewohnt, doch

genau jetzt
steht
da
die Sonne
siebenuhrzwölf

zieht sie die Wolkendecke wieder über
siebenuhrzweiundzwanzig
saugt sie am Rosa, glüht und gähnt
siebenuhrsiebenundzwanzig
vertagt sie noch einmal den Dienstantritt
siebenuhreinundreißig

erfolgt, geschieht, ereignet sich der dritte gloriose Auftritt: DIE SONNE
gießt Rubingold in die Wellen: irgendwie sehr peinlich.
Die Lotseninsel wendet sich zum Tagewerk.
Nun gute Nacht, ihr nachtaktiven Mücken
in eurem Heckenrosenparadies.
Der Handwerker ist auf dem Weg zum Schuppen: „Moin!“

Gerald Koll

Gerald Koll, geboren 1966. Seit 1989 freiberuflicher Kulturjournalist. 1996 Promotion über Erotik im Stummfilm. Artikel, Prosa, Lyrik in Tageszeitungen, Magazinen, Büchern. Dokumentarfilme für arte und 3sat. 2008: Kino-Dokumentarfilm „88 – pilgern auf japanisch“. September 2010: Insel-Dichter der Lotseninsel Schleimünde.